15 Alterkeit

Sie standen auf einer Metallstraße, und ein Tank steuerte auf sie zu. Er war ein wahres Monstrum, mit Laufwerken von der Größe eines Menschen und einer Schnauze, die nach vorne stieß wie die Spitze einer Rakete, geschaffen, die Atmosphäre zu durchdringen.

Vegs Schwindelgefühl verflog. Er sprang zur Seite. Tamme war unmittelbar neben ihm und stützte seinen Ellenbogen für den Fall, daß er strauchelte.

Der Tank wuchtete vorbei, ohne von seiner Spur abzuweichen.

»War das eine weitere Falle?« fragte Veg atemlos.

»Wahrscheinlich mehr ein Zufall. Erkennen Sie diese Alternativwelt?«

Er blickte sich um. Überall um sie herum waren Rampen und Plattformen, und auf diesen Strukturen kurvten Vehikel aller Größen und Formen vorbei. Einige von ihnen waren ziemlich klein und einige waren winzig - in der Größe von Mäusen oder sogar Fliegen. Aber bei allen handelte es sich offensichtlich um Maschinen.

»Ein bißchen wie ein Stadtzentrum auf der Erde«, murmelte er.

»Aber nicht.«. Er unterbrach sich. »Die Maschinenwelt! Hier werden sie geboren!«

»Ich bezweifle, daß sie geboren werden«, sagte sie. »Nichtsdestoweniger ist dies eine bedeutende Entdeckung.«

»Bedeutend! Diese Maschinen sind das halbe Problem! Ich mußte mich mit einer von ihnen durch die halbe Wüste quälen, um unsere Vorräte zu schützen!«

»Nur um der Funkenwolke zum Opfer zu fallen«, erinnerte sie ihn.

»Ja.«

Eine hundegroße Maschine kam auf sie zu. Von ihrem Oberteil gingen Empfangsantennen ab, und sie gab einen schrillen Piepton von sich.

»Wir sind entdeckt«, sagte Tamme. »Es ist wohl besser, wenn wir weitergehen.«

Aber es war bereits zu spät. Die scheinbar ziellosen Bewegungen der Maschinen erfüllten plötzlich einen Zweck. Sie näherten sich von allen Seiten.

»Ich glaube, es ist besser, keinen Widerstand zu leisten«, sagte Tamme. »Bis wir den Projektor lokalisiert haben, sind wir im Nachteil.«

Und das stimmte wirklich! Sie waren jetzt von Maschinen eingekreist, unter denen mehrere Lastwagengröße erreichten, und es gab eine erschreckende Ansammlung von sich drehenden Messern, Zangen und Bohrern. Aber Tamme hatte ihnen schon angesehen, daß ihre Aktivitäten mehr auf Gefangennahme als auf Angriff ausgerichtet waren.

Eine Container-Maschine kam heran und zwei Kreissägen drängten sie in ihren Behälter. Das Maschengitter schloß sich, und sie waren Gefangene.

»Glauben Sie, daß das das Ende der Reihe ist?« fragte Veg. »Ich meine, das Hexaflexagon geht vielleicht weiter, aber wenn die Maschinen jeden Besucher schnappen.«

»Ungewiß«, sagte Tamme. »Einige mögen der Gefangennahme entgehen, andere entfliehen oder befreit werden.«

»Wie viele Agenten, glauben Sie, wandern hier herum?«

»Es könnte eine unendliche Kette sein.«

Veg schwieg, grübelte darüber nach. Sie konnte seine Überlegungen lesen: eine endlose Kette von menschlichen Wesen, die durch die Welten marschierten, geradewegs in den Rachen der Maschine? Das würde erklären, woher die Maschinen so gut wußten, wie sie mit ihnen umzugehen hatten! Und wieso die Nasenfrau auf der Nebelwelt weder überrascht noch ängstlich gewesen war. Die Alternativen würden wie Besichtigungsorte von Touristen sein. Sie fuhren ein Metallgebilde hinauf. »Ein Maschinenstock«, murmelte Veg, während er durch das Gitter starrte. Und seine Beschreibung war zutreffend. Das Gebilde ragte riesenhaft in die Höhe und wölbte sich über die Landschaft. Aus jeder Richtung näherten sich Maschinen in allen Größen, während andere davonhuschten. Das Summen ihre Antriebsaggregate war gleichförmig und laut, wie das von Hornissen. Bei einer ganzen Reihe von ihnen handelte es sich um Flugmaschinen, deren Größen von Düsenjägern bis zu Mücken reichten.

Sie kamen und gingen durch Öffnungen mit passenden Durchmessern.

Ihr eigenes Fahrzeug steuerte eine der lastwagengroßen Öffnungen an. Der Maschinenstock hing gewaltig über ihnen, als sie sich näherten. Er war mehr als dreihundert Meter hoch und hatte einen ebensolchen Umfang.

»Kommt man wieder raus, wenn man einmal drin ist?« fragte Veg besorgt.

»Ich könnte den Türmechanismus kurzschließen und uns aus dem Fahrzeug rausbringen«, sagte Tamme. »Aber ich glaube nicht, daß dies ratsam wäre.«

Veg blickte in die vorbeirauschende Landschaft hinaus. Sie befanden sich jetzt auf einem schmalen, erhöhten Gerüst, das einer Eisenbahnbrücke glich, knapp zwanzig Meter über dem Metallboden. Kleine Kreissä- gen-Maschinen flankierten sie beidseitig auf Laufgestellen, und ein Zangentank folgte unmittelbar, hinter ihnen. Für Fußgänger gab es keinen Bewegungsraum.

»Wir müssen hundertfünfzig Stundenkilometer drauf haben«, bemerkte er.

»Mehr als das. Das Fehlen von benachbarten und ortsfesten Objekten täuscht das Auge.«

»Nun, wenn uns die Maschinen umbringen wollten, hätten sie das wohl schon getan«, sagte er. Aber er gab sich kaum Mühe, seine Nervosität zu verbergen.

Sie unternahmen also nichts. Augenblicke später schoß ihr Fahrzeug in den Tunnel - und stoppte beinahe sofort. Tamme, die dies voraussah, umschlang Vegs Hüfte, bevor er gegen die Wand geschleudert wurde. »Wie vertraut wir doch miteinander sind«, murmelte sie, als sie ihn losließ.

»Ich würde mir wünschen, daß Sie so etwas nicht tun«, knurrte er.

Er meinte, daß sie ihn auch gewarnt haben könnte, statt wieder einmal ihre überlegene Stärke zu demonstrieren. Und er wußte auch, daß sie sich seiner Reaktionen bewußt war, wenn er mit ihrem Körper in Berührung kam.

Sie nickte. Tatsächlich neckte sie ihn ein bißchen, vermutlich, weil sie angesichts der Beeinträchtigung ihrer vorgegebenen Agentenkonditionierung ihr Selbstbild aufwerten wollte. Dies war ein Hilfsmittel menschlicher Schwäche, und sie würde damit aufhören.

Das Gitter öffnete sich. Sie traten nach draußen. Das Gitter schloß sich, und der Lastwagen fuhr davon. Aber andere Gitterstäbe waren bereits an ihre Stelle getreten und hinderten sie daran, dem Vehikel zu folgen.

»Jetzt können wir ausbrechen«, sagte Veg. Er legte seine Hände auf die Stäbe und rüttelte daran. »Autsch!«

Tamme wußte, was passiert war. Das Metall war elektrisch aufgeladen.

»Sie haben bereits Erfahrungen mit unserer Lebensform gemacht«, sagte sie. »Möglicherweise ist der erste Agent entflohen, und wir sollen das nicht. Wir werden abwarten müssen, was sie mit uns vorhaben.«

»Ja«, stimmte er unsicher zu.

Tamme war bereits dabei, ihr Gefängnis zu untersuchen. Es wurde von glühenden Streifen in den Ecken hell erleuchtet, und die polierten Metallwände reflektierten das Licht. In einer Wand war eine Reihe von Hebeln und Glühbirnen angebracht. Sie waren offensichtlich für menschliche Hände und Sinne geschaffen. Die Maschine würde für solche Dinge keine Verwendung haben!

Die Reihe der Hebel folgte einem Schema. Sie ähnelte den Kontrollen eines Computers. Die Hebel waren zum Einschalten da, die Lichter um anzuzeigen, was passierte.

»Nun gut«, murmelte sie. Sie zog schnell an dem

Endhebel und nahm die Hand zurück, als er einrastete.

Es gab keinen Schock. Das Licht über diesem Hebel wurde heller. Aus verborgenen Lautsprechern kamen Töne: heiser, verzerrt.

Tamme brachte den Hebel wieder in die Ausgangsstellung. Die Töne erstarben.

»Fremde Musikbox«, knurrte Veg.

»So ungefähr«, pflichtete ihm Tamme bei. Sie bediente den nächsten Hebel.

Wieder wurden Töne laut: eine Folge von durchdringenden, piependen Doppelnoten.

Sie schob den Hebel zurück und versuchte es mit dem dritten. Diesmal klang es wie das Brüllen einer Meeresbrandung, mit einem halbmelodiösen, schwankenden Nebelhorn im Hintergrund.

Es gab über hundert Hebel. Sie probierte sie alle durch und rief hundert Variationen von Lärm hervor. Dann fing sie wieder von vorne an. Beim zweiten Durchgang waren die Töne anders. Es gab keine Wiederholungen.

»Das mag Ihnen ja Spaß machen; aber diesmal bin ich mit dem Schlafen dran«, sagte Veg. Er legte sich auf einer erhöhten Plattform nieder, die zu diesem Zweck da zu sein schien.

Auch gut. Sie konnte effizienter arbeiten, wenn sicher war, daß er keinen Unfug machte. Sie hätte den Tönen, nach denen sie suchte, schon viel schneller auf die Spur kommen können, zog es aber aus einem Grund, den sie ihm lieber nicht verraten wollte, vor, zu warten, bis Veg gelangweilt war. Jetzt machte sie sich ernsthaft an die Arbeit.

Aber es brauchte noch immer seine Zeit. Zwei Stunden lang probierte sie neue Töne aus, bis sie schließlich auf welche stieß, die vage der menschlichen Sprache ähnelten. Sie stellte sie ab, dann wieder an - sie waren anders, folgten aber einem ähnlichen Muster. Sie versuchte es wieder mit demselben Hebel, aber obwohl die menschlich klingende Stimme fortfuhr, kam sie irgend etwas, was Tamme verstand, doch kein bißchen näher.

»Muß den Schlüssel finden«, murmelte sie unhörbar. »Bis jetzt habe ich ihn noch nicht.«

Sie ließ den Hebel eingerastet und wandte sich dem nächsten zu. Die Stimme änderte sich, wurde weniger menschlich. Deshalb ging sie zu dem Hebel auf der anderen Seite über, und nun wurde die Stimme vertrauter.

Auf ,diese Weise engte sie eine Sprache, ein, die annähernd zeitgenössischem Englisch entsprach. Sie wußte, daß sie weitermachen und ihren eigenen Dialekt bekommen konnte, nahm davon jedoch Abstand.

Veg fuhr überrascht aus dem Schlaf hoch. »He, das ergibt ja einen Sinn!«

Mit einer heftigen Geste veranlaßte Tamme ihn zu schweigen. Nun, da die Sprache eingeengt war, konnte die Maschine vermutlich ihr exakte Alternativwelt identifizieren - was der Zweck der ganzen Übung war. Sie wollte Kommunikation ohne vollkommene Identifikation, damit ihre Welt nicht in Gefahr geriet. Aber die Maschine, bei der es sich in Wirklichkeit um ein Eingabeterminal des Maschinenstock-Intellekts handelte, hatte zugehört.

»Kürminizieren, jach«, sagte sie.

»Jach«, stimmte Tamme zu, während Veg verwundert dreinblickte.

»Hübel instüllen, Üdüntitat ürrichen.«

Das denkst du dir so, dachte sie. Ich werde deine Hübel instüllen, aber nicht damit Üdüntitat ürricht wird. Ich will eine Annäherung, keine Identität.

Sie stellte an den Hebeln herum und brachte sie näher an die Sprache heran. Sie gab vor, Identität errei- chen zu wollen, stellte sich jedoch tatsächlich selbst so auf das neue Sprachmuster ein, daß die Maschine zu der Überzeugung kommen würde, es sei wirklich ihre eigene Sprache. Dies war eine raffinierte Falle: Die Gefangenen sollten selbst mit dem Finger auf ihre Alternativwelten zeigen, so daß diese abgehakt werden konnten.

Gleichzeitig hoffte sie, daß Veg Verstand genug besaß, den Mund zu halten. Einige wenige Worte von ihm konnten der Maschine alles verraten.

»Jecht. Phragen«, sagte sie.

»Phrag.«

»Ärste Phrage: Wo sünd wür?«

»Machüna Prüma, Zäntrum dar Rälevance.« Im Geiste übersetzte Tamme: Maschine Prima, Zentrum der Relevanz. Mit Bescheidenheit hatte es diese Alternativweit nicht!

»Wass wollt von uns?« Schon hatte sie sich das künstliche Sprachmuster so eingeprägt, daß sie in ihm denken und es automatisch anwenden konnte. Während sich also Vegs Augenbrauen verwirrt runzelten, war es für sie wie eine ganz normale Unterhaltung: Was wollt ihr von uns?

»Euch lediglich identifizieren und freundschaftliche Beziehungen zwischen unseren Gefügen herstellen.«

Tamme war froh, daß Veg dem Dialekt der Maschine nicht so schnell folgen konnte, denn er hätte laut gelacht. Freundschaftliche Beziehungen zwischen der Heimatwelt der Killermaschinen und der Erde? Wohl kaum!

Glücklicherweise war sie eine erfahrene Lügnerin.

»Das ist es, was wir ebenfalls wollen. Wir werden glücklich sein, zusammenarbeiten zu können.«

»Ausgezeichnet. Wir werden einen Botschafter in euer Gefüge schicken und dort eine Enklave errichten.«

Eine Enklave, die schnell zerbombt würde - wenn sie der echten Erde irgendwo nahe käme. Aber das würde nicht der Fall sein.

»Wir werden bei unserer Rückkehr einen günstigen Bericht abgeben«, sagte sie. »Aber gegenwärtig müssen wir unseren Weg durch unser Gefügemuster fortsetzen.«

»Gewiß. Wir sind vertraut mit eurem Muster. Tatsächlich haben wir schon viele eurer Lebensformen kennengelernt. Aber wir müssen euch einen Rat geben: Es besteht Gefahr.«

Freundschaftlichen Rat von der Maschine? Aufgepaßt!

»Erkläre das bitte.«

»Eure Existenzform ist protoplasmisch, unsere mechanisch. Aber es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen uns, denn wir benötigen beide physische Unterkunft und müssen Materie verbrauchen, um funktionierende Energie zu erzeugen. Der Feind ist nicht physisch, verbraucht keine Materie und steht rationaler Existenz in Gegnerschaft gegenüber. Kein physisches Wesen ist in irgendeinem Gefüge sicher, denn der Feind ist auf dem Gebiet des Gefügewechselns weitaus fähiger als Maschine oder Leben. Aber euer Muster führte euch durch ein feindliches Heimatgefüge, und dort ist die Gefahr noch viel größer.«

Oho! Die Maschinen suchten also ein Bündnis gegen einen gemeinsamen Antagonisten. Das konnte sich lohnen.

»Wir verstehen die Natur dieses Feindes nicht.«

»Seine Natur ist für materielle Wesen nicht begreifbar. Er ähnelt einer Wolke aus Energiepunkten, die von einem Gerüst aus Schwingungsknoten gestützt werden.«

Das Funkenmuster!

Dies war in der Tat eine Erkenntnis!

»Wir sind solchen Einheiten begegnet, konnten aber nicht erkennen, was sie waren. Sie haben uns unfreiwillig von einem Gefüge in ein anderes versetzt. Aus diesem Gefüge sind wir entkommen, und jetzt versuchen wir, den Weg nach Hause zu finden.«

»Dasselbe machen sie auch mit unseren Einheiten. Wir können in gewissem Rahmen Widerstand leisten, aber sie sind in dieser Beziehung stärker als wir.«

»Auch stärker als wir«, sagte Tamme. »Wir sind beim Gefügereisen sehr ungeschickt.«

Nur zu wahr - was einer der Aspekte war, die an dem Vorschlag falsch klangen. Wenn die Maschinen über die Fähigkeit des echten Alternativweltreisens verfügten, wie diese hier durchblicken ließ, dann brauchten sie kaum ein Bündnis mit den Menschen. Wenn sie jedoch nicht über diese Fähigkeit verfügten, konnte ihnen Tammes Welt wenig Hilfe anbieten.

»Zwei Gefüge sind stärker als eins!«

»Wir stimmen zu. Was kommt als nächstes?«

»Wird eure Welt einen Kontrakt abschließen?«

Kontrakt? Was bedeutete das? Jetzt wünschte sie sich, die physischen Manierismen des Computers genauso interpretieren zu können, wie sie es bei Menschen tat!

»Das käme auf seinen Inhalt an«, antwortete sie.

»Übereinkunft, zum gegenseitigen Nutzen zu handeln. Einrichtung von Interaktions-Enklaven. Transfer nützlicher Ressourcen.«

Jetzt begriff sie. »Ich glaube, meine Welt würde interessiert sein. Sobald unsere Regierung den Kontrakt ratifiziert hat.«

»Regierung?«

»Die ausgewählte Gruppe von Individuen, die die Mechanismen und Beschränkungen unserer Gesellschaftsordnung festlegt, so daß es nicht zum Chaos kommt.«

»Individuen?«

Oh!

»Eure Maschinen sind keine unabhängigen Einheiten?«

»Sie sind physisch unabhängig, aber Teil der übergeordneten Einheit. Losgelöst von der Gesellschaft werden unsere Einheiten wild, subintelligent, unkontrolliert. Nur in der Einheit gibt es Zivilisation. Aus diesem Grund sind wir nicht in der Lage, weit zwischen den Gefügen zu reisen. Unsere Einheiten verlieren die Verbindung mit dem Stock und degenerieren zu zügellosen Einzelgängern.«

»Da gibt es einen Unterschied zu uns. Wir sind einzelne Subeinheiten und bewahren uns unsere Intelligenz und Zivilisation auch, wenn wir von unserem Stock isoliert sind.«

Aber im stillen fragte sie sich: Gediehen menschliche Wesen in der Isolation wirklich? Agenten ganz bestimmt nicht! Bei Normalen mochte es eine Generation dauern, aber Individuen, die von ihren Gesellschaften abgeschnitten wurden, degenerierten wirklich. Anscheinend war der Effekt bei den Maschinen noch ausgeprägter. Dies würde erklären, wieso dieser Stockcomputer rational, die Maschine hingegen, die Veg getroffen hatte, bösartig war. Ohne zivilisierte Kontrolle hatte sie sich zu primitiver Wildheit zurückentwickelt.

»Das ist jetzt offensichtlich. Es erklärt, was uns an eurer Art immer ein Rätsel gewesen ist - obgleich ihr euch rationaler verhaltet als eure Vorgänger.«

Einige hatten also versucht zu kämpfen.

»Vielleicht habt ihr es uns einfacher gemacht, rational zu sein, indem ihr uns einen Weg zur Kommunikation aufgezeigt habt. Es würde auch helfen, wenn ihr uns diese Substanzen zugänglich macht, die wir für unsere Energieumwandlung benötigen - organische Materia- lien, Wasser, frische Luft.«

»Dies werden wir nach euren Anweisungen tun.«

Sehr entgegenkommend. Fast wünschte sie, daß sie es sich erlauben könnte, der Maschine zu trauen. Aspekte ihrer Gesellschaft waren faszinierend.

»Wie können wir euch wieder erreichen? Unser Zusammentreffen hier ist zufällig. Wir wären nicht in der Lage, euer Gefüge wieder zu lokalisieren.«

Vielleicht konnte sie den Spieß umdrehen und die Maschinen-Alternativwelt identifizieren, ohne die Erde preiszugeben.

»Wir werden euch mit einem Gefügesucher ausstatten. Das ist eine .nichtintelligente Einheit, die ein Signal durch das Gefügesystem senden wird. Wenn sie aktiviert ist, werden wir sie mittels des Signals lokalisieren können.«

»Ausgezeichnet. Wir werden sie aktivieren, wenn der Kontrakt fertig ist.«

Ein Schlitz öffnete sich unterhalb der Hebel. In einem kleinen Fach befand sich ein linsengroßer Knopf.

»Nicht erforderlich. Diese Einheit wird sich selbst aktivieren, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.«

Sie setzten also auch nicht allzuviel Vertrauen in die andere Seite! Tamme nahm den Knopf und steckte ihn in eine Tasche.

»Gut. Jetzt müssen wir aber weiter.«

»Wir werden euch mit euren materiellen Bedürfnissen versehen, wenn ihr sie uns erklärt.«

Sie zögerte, entschloß sich aber dann, das Wagnis einzugehen. Warum sollte die Maschine sie vergiften, wenn sie sie sowieso schon in ihrer Gewalt hatte? Es sprach mehr dafür, daß sie ihnen jeden kleinen Dienst erweisen würde und darauf hoffte, sie und ihre Einheit sicher zur Erde zurückzubringen, um so einen festen Kontakt herzustellen. Deshalb beschrieb sie die Art von

Vitaminen, Proteinen und Mineralien, die das Leben benötigte.

Nach einigen Experimenten produzierte die Maschine eßbare, wenn auch unappetitliche Nahrung, synthetisiert aus ihren Ressourcen. Tamme und Veg waren hungrig, und so aßen sie sogar mit Vergnügen. Sie ve- ranlaßte Veg zu weiterem Schweigen und gab Ratschläge für die zukünftige Küche. Obgleich sie alle menschlichen Wesen, die ihr nachfolgen mochten, nicht als Freunde betrachtete, waren die gemeinsamen Feinde eine größere Bedrohung. Sollten die Menschen ihre Differenzen doch privat bereinigen. Und sollte doch irgendeine andere Erde überwältigt werden, wenn es denn schon so sein mußte.

»Ihr versteht«, sagte sie zum Schluß der Mahlzeit, »daß wir nicht garantieren können, wann wir unsere Heimatwelt erreichen werden - wenn überhaupt. Die Alterkeit ist komplex.«

»Wir verstehen es. Wir werden euch zu eurem Projektor bringen.«

»Danke.«

Ein- Lastwagen erschien. Die Gitterstäbe hoben sich. Tamme dirigierte Veg mit einer Geste in das Fahrzeug und legte dabei einen Finger auf die Lippen. Sie wollte nicht, daß er irgend etwas daherplapperte, während sie sich in Hörweite irgendwelcher Maschinen befanden, von denen sie jetzt wußte, daß sie nichts anderes waren als Einheiten des Stocks.

Sie fuhren aus dem gigantischen Komplex hinaus, und sie verspürte eine sehr menschliche Erleichterung. Wenig später .wurden sie auf einer Plattform abgesetzt. Auf einem Podest befand sich ein Projektor.

Tamme vergeudete keine Zeit. Sie aktivierte ihn. Und sie

standen

wieder im Nebel.

»Okay, kann ich jetzt endlich reden?« erkundigte sich Veg.

»Sollte sicher sein«, sagte sie.

Sie hatte überlegt, ob das Linsensignal sie belauschen konnte, war jedoch zur gegenteiligen Überzeugung gekommen. Wenn es intelligent war, würde es fern vom Stockgefüge seine Orientierung verlieren, und wenn es das nicht war, würde es bis zur Aktivierung vermutlich inaktiv bleiben. Warum sollte sich Machina Prima um ihre Unterhaltung kümmern, wenn ihre Erdenwelt schon in Reichweite war? Kalkuliertes Risiko: Sie war nicht bereit, das Signal wegzuwerfen, wollte Veg aber auch nicht für immer zum Schweigen verurteilen.

Sie kämpfte sich durch den Nebel dem nächsten Projektor entgegen.

Veg folgte ihr mit einiger Mühe. Er mußte auf Händen und Knien kriechen und in Lufttaschen dicht über dem Boden tiefe Atemzüge machen.

»Dieses Pidgin-Englisch, in dem Sie da gequasselt haben. Hörte sich an, als ob Sie eine Art Handel abgeschlossen hätten.«

»Die Maschinenkultur möchte die Erlaubnis haben, die Erde auszubeuten«, sagte sie. »Anscheinend verfügen die Maschinen nur über begrenzte Fähigkeiten im Alternativwelt-Transfer, kaum bessere als wir selbst haben und wenn nicht der ganze Stock geht, verwildern sie. Deshalb wollen sie ein Identifikationssignal auf unserer Alternative plazieren, so daß sie mit einer Enklave, die sich selbst erhalten kann, herüberkommen können. Das bedeutet ein Stockgehirn. Sie sagen, daß sie einen Kontrakt zwischen den Alternativen - von ihnen